Ärmel hoch mit neuen Normen?
- René Graf

- vor 16 Stunden
- 4 Min. Lesezeit
Vom Isolations-Diktat zur ehrlichen Hülle: Wie die SIA 243:2026 das Gesicht der Schweiz verändern kann.
1. Einleitung: Der stille Wandel unserer Gebäudehüllen
Fassaden sind weit mehr als nur das ästhetische Gesicht eines Gebäudes; sie sind dessen Schutzschild gegen die Elemente. In der Schweiz hat sich das Verständnis davon, was eine verputzte Aussenwärmedämmung (VAWD) leisten muss, in den letzten zwei Jahrzehnten massiv gewandelt. Während die Version der Norm SIA 243 aus dem Jahr 2008 fast 20 Jahre lang das Mass der Dinge war, markiert die neue SIA 243:2026 einen entscheidenden Wendepunkt für die Bauqualität.
Dieser Wandel vollzog sich nicht durch laute Revolutionen, sondern durch die konsequente Aufarbeitung von fast 20 Jahren praktischer Erfahrung. Die Aktualisierung adressiert zentrale Themen wie Langlebigkeit, Schlagregendichtheit und eine neue ökologische Verantwortung. Was hat sich verändert? Ein Blick in die neue Norm zeigt: Wir bewegen uns weg von der rein thermischen Trennung hin zu einem ganzheitlichen, robusteren und technisch sichereren Umgang mit der Gebäudehülle.
2. Der Abschied von der verdeckten "Kittfuge"
Ein markantes technisches Detail, das in der neuen Norm der Vergangenheit angehört, ist die verdeckte Kittfuge. Die Baupraxis hat gezeigt, dass diese oft als "Wartungsfuge" deklarierte Lösung den modernen Belastungen nicht mehr standhält. In der SIA 243:2026 wird dieser Praxis eine klare Absage erteilt.
An ihre Stelle rückt das Fugendichtungsband, das technisch zuverlässiger auf die notwendige Schlagregendichtheit hin optimiert ist. Besonders verschärft wurden die Anforderungen: Bewitterte Anschlüsse an Fremdbauteile sowie sämtliche Durchdringungen in der VAWD müssen nun zwingend schlagregendicht mit einem Prüfwert von ≥ 600 Pa projektiert werden. Die Norm begründet dies im Vorwort unmissverständlich:
"Die verdeckte Kittfuge wurde gestrichen, da sie den heutigen Ansprüchen nicht mehr genügt. Stattdessen wurde das Fugendichtungsband mit Hinweis auf Schlagregendichtheit aufgenommen."
Diese Änderung eliminiert eine der grössten Schwachstellen früherer Systeme. Während versagende Kittfugen oft unbemerkt Wasser hinter das System leiteten und schädliche Hinterströmungen begünstigten, bieten vorkomprimierte Dichtungsbänder ein kontrolliertes Verformungsverhalten und einen dauerhaften Schutz gegen Witterungseinflüsse.
3. Die TSR-Revolution: Mehr als nur Farbe
Bisher war der Hellbezugswert (HBW oder Y-Wert) die alleinige Kenngrösse für die Farbwahl. Doch der HBW deckt nur den sichtbaren Bereich des Lichts ab. Da dunkle Fassaden (HBW < 30) durch die solare Strahlung im nahen Infrarot-Bereich massiv thermisch belastet werden, führt die SIA 243:2026 eine entscheidende Verschärfung ein: Sobald der Hellbezugswert unter 30 fällt, ist der TSR-Wert (Total Solar Reflectance) als zwingende zweite Metrik zur Bewertung der Funktionstauglichkeit heranzuziehen.
Gemäss der neuen Tabelle 2 gelten spezifische TSR-Grenzwerte, um thermische Verformungen und Rissbildungen im System zu verhindern:
Anwendungsbereich | Dämmstoff | TSR-Grenzwert |
Neubau | mineralisch | ≥ 30 |
Neubau | organisch | ≥ 35 |
Sanierung* | mineralisch oder organisch | ≥ 45 |
* Gilt für Putzsysteme inkl. Beschichtungen. Bei energetischer Aufdopplung gelten die Neubauwerte.
Dieser neue Standard stellt sicher, dass auch moderne, dunkle Fassaden gestalterische Freiheit bieten, ohne die technische Integrität der Dämmschichten durch Überhitzung zu gefährden.
4. Algen und Pilze: Ein neues Verständnis von Funktionalität
Ein Paradigmenwechsel findet im Umgang mit Mikroorganismen statt. Die SIA 243:2026 stellt klar, dass ein oberflächlicher Bewuchs primär ein ästhetisches Thema ist und keinen technischen Mangel darstellt. Unter Punkt 2.1.1.7 wird festgehalten:
"Ein Verlust der technischen Funktionalität der VAWD durch oberflächlichen Bewuchs mit Algen und Pilzen ist nicht bekannt."
Statt ausschliesslich auf Biozide zu setzen, priorisiert die Norm konstruktive Massnahmen: Ausreichende Dachüberstände und die Wahl von Mittel- oder Dickschichtsystemen, die durch ihre höhere thermische Speicherkapazität die Kondensatbildung an der Oberfläche minimieren. Ein wesentlicher neuer Aspekt ist die Betonung der Unterhaltsverantwortung: Eine "regelmässige Instandhaltung" (Kontrolle und Reinigung der Oberflächen) wird nun explizit als präventive Massnahme definiert, was die Verantwortung für die ästhetische Langzeitqualität auch ein Stück weit in die Hände der Gebäudeeigentümer legt.
5. Ehrlichkeit in der Optik: Akzeptanz von Abzeichnungen
In der ästhetischen Beurteilung schlägt die Norm eine pragmatische Brücke zwischen technischer Machbarkeit und optischem Anspruch. Bei Dünnschichtsystemen müssen sichtbare Bewehrungsüberlappungen oder Plattenabzeichnungen toleriert werden, sofern die Ebenheitstoleranzen eingehalten sind. Wer ästhetische Perfektion sucht, findet die Lösung in der Wahl der Systemdicke (Tabelle 1):
Systemtyp | Schichtdicke Grundputz | Lage der Bewehrung |
Dünnschicht | ≥ 3 mm | mittig bis äusseres Drittel |
Mittelschicht | ≥ 6 mm | äusseres Drittel |
Dickschicht | ≥ 9 mm | äusseres Drittel |
Durch eine höhere Schichtdicke und eine grössere Korngrösse des Deckputzes werden Abzeichnungen effektiv minimiert. Die Norm erzwingt hier eine ehrliche Planung: Ökonomische Dünnschichtsysteme bedingen eine höhere Akzeptanz von Materialabzeichnungen, während hohe ästhetische Ansprüche durch entsprechende Systemstärken technisch unterlegt werden müssen.
6. Ökologie und Gesundheit als neuer Standard
Erstmals integriert die SIA 243 ein eigenständiges Kapitel zu Ökologie und Gesundheit (Kapitel 2.3). Der Fokus liegt auf der Vermeidung schädlicher Emissionen (VOCs) und dem Schutz der Gewässer vor Biozid-Auswaschungen. Hierbei spielen Gütesiegel wie ecoBasis, EMICODE (EC1 plus) oder die Umwelt-Etikette der Schweizer Stiftung Farbe eine zentrale Rolle.
Ein technisches Highlight ist der Umgang mit Filmschutzmitteln. Für Produkte der Kategorie C, die Filmschutzmittel enthalten, fordert die Norm moderne Lösungen wie die Verkapselung (Encapsulation). Diese Technologie erlaubt eine kontrollierte Abgabe der Wirkstoffe, verhindert eine rasche Auswaschung in die Umwelt und sorgt gleichzeitig für einen länger anhaltenden Schutz der Oberfläche. Dennoch bleibt der konstruktive Witterungsschutz die primäre Strategie, um den Einsatz von Chemie auf ein Minimum zu reduzieren.
7. Fazit: Die Fassade der Zukunft
Die SIA 243:2026 transformiert die VAWD von einer reinen Dämmschicht zu einem langlebigen, ökologisch verantwortungsvollen Gesamtsystem. Der Fokus hat sich verschoben: Weg von der "Wartungsfuge" hin zur systemintegrierten Schlagregendichtheit, weg von chemischem Dauerschutz hin zu konstruktiver Prävention und kontrollierter Instandhaltung. Wir akzeptieren heute, dass technische Sicherheit und ökologische Nachhaltigkeit Vorrang vor einer künstlich konservierten Makellosigkeit haben.





Kommentare